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Leseimpuls Offene Kapelle in Luther, Freitag, 19.2.2021, 18 Uhr

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Invokavit - Einstimmen in die Passionszeit 

MASKEN

Gebet

Gott, still will ich werden,

still wie ein Kind im Arm der Mutter,

das ihren Herzschlag mit in den Schlaf nimmt,

in die Träume ihr Lied.

Still will ich werden,

so still wie die Erde,

die wartet, dass das Eis bricht

und der Winter vorbeizieht

und dabei träumt von Farben und von Leben.

Still will ich werden,

so still, dass ich das Flüstern in meinem Herzen höre,

das Überhörte,

das nie Gesagte,

das ganz Leise.

Still will ich werden,

um dich zu hören,

deine Stimme unter den vielen,

die zärtlich ist und vertraut,

sanft wie der Windhauch am Morgen.

In der Stille, Gott,

lass mich deine Stimme hören.

Predigt

In den letzten Tagen sind sie mir häufig begegnet: Piraten und Prinzessinnen, Clowns und Gespenster, Zauberer und Dschungelbewohner. Es ist eine schöne Gelegenheit, in der Fastnachtszeit eine Maske aufzusetzen und einmal ein ganz anderer zu sein. Masken gehören nicht nur zu diesen wenigen Tagen, bevor der Aschermittwoch kommt und dem Spaß ein Ende macht. Masken sind auch sonst Teil unseres Lebens. Masken gehören zu unserer Art, uns der Welt zu präsentieren, sind Tarnung oder Schutz.

In der Zeitung ist immer öfter zu lesen, dass die Anzahl der Krankheitstage unter Arbeitnehmern stetig sinkt. Das heißt wohl nicht, dass die Menschen weniger krank sind, sondern dass sie zur Arbeit gehen, obwohl sie krank sind. Die Angst, sonst den Job oder an Ansehen zu verlieren, ist groß. Bei der Arbeit wollen viele nach außen zeigen, dass sie fit, dass sie leistungsbereit und flexibel sind, manchmal bis zur Selbstaufgabe. Die Schwächen, die Verunsicherungen und die Müdigkeit werden dann versteckt unter einer Maske ständigen Funktionierens. Ich kenne nicht wenige Menschen, die irgendwann unter der Last ihrer Rolle zusammengebrochen sind.

Nicht nur im Beruf, auch im täglichen Umgang miteinander tragen wir Masken. Es müssen ja nicht alle wissen, wie es mir gerade geht. Wir fürchten das Gerede der Leute, und wir wissen, wie rasch und unbarmherzig ihr Urteil sein kann. Dann reißen wir uns eben zusammen. „Der Mund kann lachen, wenn das Herz auch traurig ist“, heißt es im Buch der Sprüche.  Lächeln, obwohl ganz viel Traurigkeit im Herzen ist. Aufgaben anpacken, obwohl die Müdigkeit so groß ist. Freundlichen Smalltalk machen, obwohl es ganz anderes zu sagen gäbe. Der Mund kann lachen, wenn das Herz auch traurig ist. Eine Maske hilft zu überleben, wenn meine Umgebung mir kalt und unbarmherzig erscheint. Aber ich werde arm und einsam, wenn ich niemanden mehr habe, bei dem ich die Masken fallen lassen kann und vor dem ich schwach, elend und schutzlos sein darf.

Wir stehen am Anfang der Passionszeit. In den nächsten Wochen werden wir Jesus begleiten auf seinem Weg. Der Weg führt hinauf nach Jerusalem. Er führt zum Kreuz. Auf diesem Weg wird Jesus vielen Menschen begegnen. Jesus hatte die besondere Gabe, Menschen hinter ihren Masken zu erkennen. Ihnen hat er Mut gemacht, die Maske abzunehmen und ihr unverstelltes Angesicht zu zeigen – und gerade darin zu erkennen, dass Gott sie liebt und annimmt, wie sie sind. Hinter dem scheinbar geldversessenen Zöllner holte er den Menschen hervor, der Sehnsucht hat nach einem neuen Anfang. In der verachteten Frau, die ihm die Füße salbt, pries er einen Menschen, der rückhaltlos zu lieben vermag. Dem manchmal großmäuligen Petrus zeigte er einen anderen Petrus, der Angst haben und versagen darf – und dennoch einer ist, auf den Gott zählt. Selbst in dem, der ihn verraten und verkaufen wird, vermochte er den Gescheiterten zu erkennen und ihn Bruder zu nennen. Hinter den Masken sieht Jesus Menschen, die sich danach sehnen, angenommen und geliebt und etwas wert zu sein. Wie wertvoll sie sind, zeigt er ihnen darin, dass er sein eigenes Leben in die Waagschale wirft.

An diesem Jesus, der sein Leben in die Waagschale wirft, sind diese Menschen heil geworden. In ihnen finde ich die Sehnsucht, angenommen zu sein, auch wenn ich arm, hilflos, ohne eigene Verdienste, schuldig, krank an Leib und Seele bin. Die Sehnsucht, alle Masken der Perfektion fallen lassen zu dürfen und doch angesehen zu werden mit Augen voller Liebe und nicht voller Urteil. Gäbe es unsere Kirche überhaupt ohne diese Sehnsucht? Die Güte, die Qualität einer Gemeinde wird sich auch daran messen lassen müssen, wie die Menschen in ihr miteinander umgehen. Müssen wir Masken tragen voreinander? Dürfen wir sie nie ablegen? Darf man sich unter uns auch ein Stück preisgeben mit seiner Schwäche, mit seinen Fehlern und Unzulänglichkeiten, ohne die Achtung, die liebevolle Anteilnahme der anderen zu verlieren? Kann ich mich preisgeben und doch gewiss sein: Ich werde aufgefangen? Wie viel hängt davon ab! Und wäre das nicht ein wunderbares Projekt für die Passionszeit, mir vorzunehmen, mich den Menschen um mich her unverstellter und wahrhaftiger zuzumuten. Was würde wohl geschehen, wenn ich die Maske abnehme?

Wer bin ich? Wer bin ich, wenn alle Masken fallen? Dietrich Bonhoeffer hat dazu im Gefängnis ein Gebet geschrieben. Dort heißt es:

(…) „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würge mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? …

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, dein bin ich, oh Gott.“ 

Wer bin ich?

Wer bin ich? Bin ich der eine, der mutig und tapfer mit der Last seines Lebens, der Krankheit, der Einsamkeit umgeht, oder bin ich der andere, der bei einem anderen weinen können will wie ein Kind bei der Mutter?

Bin ich die eine, die immer so selbstsicher und tough auftritt, immer vorweg, den anderen immer eine Nasenlänge voraus, oder bin ich die andere, die mit der tiefen Verunsicherung in sich lebt und mit ihr kämpft?

Bin ich der eine, auf den sich alle immer verlassen können, oder bin ich der andere, der tief im Herzen danach fragt: Wo bleibe ich?

Bin ich die eine, der nie etwas zu viel wird, oder bin ich die andere, die in sich so viel Ausgebranntsein findet?

Bin ich der eine, der mit dem Leben allein so gut klarkommt, oder bin ich der andere, der kaum weiß, wohin mit seiner Zeit, mit seiner Sehnsucht, mit seiner Liebe?

Wer bin ich? Dietrich Bonhoeffer hat eine Antwort auf seine Frage gefunden: „Dein bin ich, oh Gott.“ Für mich spricht viel Ermutigung, viel Trost und auch viel Liebe aus diesen Worten. Ich gehöre nicht anderen Menschen, nicht ihren Meinungen, nicht ihrem Bild, nicht ihren Verurteilungen. Ich gehöre Gott. Ich gehöre nicht nur der Arbeit, die ich tue, nicht den Aufgaben, die mich bedrängen. Ich gehöre aber auch nicht der Traurigkeit, der Einsamkeit, dem Versagen, der Schwäche, die ich in mir finde. „Dein bin ich, oh Gott.“ Wie viel Befreiendes spricht aus diesem kurzen Bekenntnis. Mit ihm legen wir Gott alles in die Hand, was wir sind. Gelassener können wir dann umgehen mit den Erwartungen anderer. Unser Wert hängt nicht von ihrem Urteil ab. Mutiger können wir werden, den Menschen unserer Umgebung etwas zuzutrauen, wenn wir die Masken abnehmen. Ehrlicher können wir werden mit dem, was wir selbst brauchen, um leben zu können, mit den Grenzen, mit den Schwächen, mit den Ängsten. „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, dein bin ich, oh Gott.“

Segen

Gott segne dich mit Menschen,

bei denen du alle Masken abnehmen kannst,

er segne dich mit einem weiten und liebevollen Herzen,

das andere nicht verurteilt, 

sondern sie annimmt, wie sie sind.

Gott schenke dir Mut, 

die Maske abzunehmen und dein Gesicht zu zeigen.

Quelle:

Vom Kreuz zum Leben : kreative Gottesdienstentwürfe und Andachten für die Passions- und Osterzeit / Monika Lehmann-Etzelmüller. - 1. Auflage 2014. - 128 Seiten. - ISBN: 978-3-7615-6108-9

Andachtsbrief Aschermittwoch (Offene Kapelle am 14.2.2021)

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Andachtsbrief zu Aschermittwoch (Offene Kapelle Sonntag, 14.2.2021)

Liebe Gemeinde,

am Aschermittwoch ist alles vorbei. Keine Feiern mehr, kein Karneval, keine tanzenden und verkleideten Menschen auf der Straße mehr. Mit dem Aschermittwoch beginnt die Zeit des Verzichtes und der Einkehr. Und in diesem Jahr frage ich mich wirklich: Ist Gott tatsächlich so zynisch? Vor der Zeit des Verzichtes und der Einkehr mussten wir bereits alle den Verzicht lernen und waren wochenlang zu Hause. Verzicht von Freunden, von Hobbies, von Gewohnheiten und von Nähe. 

Und nun beginnt die Passionszeit. Seit Wochen befinden wir uns im Lockdown, mehr als 40 Tage schon, langsam könnte es Lockerungen geben und nun beginnt die Fastenzeit. Um ehrlich zu sein habe ich von dem Thema Verzicht genug. 

Was ich aber noch viel satter habe, ist das Gefühl der Ohnmacht und der Einsamkeit. Wir warten und warten, hoffen und warten wieder. So ergeht es vielen Tausenden Menschen, hier in Deutschland, in Europa und in der Welt. In dieses Warten spricht der Prophet Joel

Doch auch jetzt noch, spricht der Herr, kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen! 13Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider und kehrt um zu dem Herrn, eurem Gott! Denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte, und es reut ihn bald die Strafe. (Joel 2, 12-13)

Der Prophet lässt mich mit seinen Worten einen unglaublichen Drang hin zu Gott erleben. Wenn ich diese Zeilen lese, habe ich das Bedürfnis die Verbindung zwischen Gott und mir zu intensivieren, ich möchte irgendwie aktiv werden, diese Ohnmacht überwinden. Ja, ich möchte ihm Klagen und Weinen, ich will ihm mein Herz aufreißen, es ihm hinhalten.

Stattdessen zerreißen wir nur zu oft unsere Kleider – das Äußere. Wir kritisieren Politiker und Politikerinnen, kritisieren die Autobranche und wir kritisieren andere Menschen und ihr Verhalten in dieser Krise. Wir zerreißen uns gegenseitig die Köpfe, anstatt unser Herz Gott hinzuhalten.   

„Denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte“. – Gott hält unser Klagen aus, er ist geduldig mit uns, er verzeiht. Andere Menschen halten es vielleicht nicht aus, halten unsere Kritik nicht aus. Gott aber ist gnädig, er ist geduldig, barmherzig und von großer Güte.

Ich muss zugeben, ich kann in diesem Jahr nicht fasten. Ich schaffe es nicht. Was ich aber versuche, ist die große Güte Gottes für mich geltend zu machen und versuchen diese auch auf andere Menschen anzuwenden. 

Anderen Menschen gütig und geduldig begegnen – meiner Familie, den Menschen in meiner Umgebung, Politikerinnen und Politiker und den Menschen, die mit dieser Krise anders umgehen als ich es tue. So möchte ich meinen Frust bei Gott abladen, meine Geduld und meine Liebe aber anderen schenken. Und somit komme ich dann doch dem Ziel des Fastens ganz nah – die Bewegung auf Gott hin. Und während ich das schreibe merke ich: Gott ist es nicht, der zynisch ist – ich bin es. Denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte.

Amen

Wir beten mit einem Gebet einer 16-Jährigen:

 

Gott. 

Ich weiß, dass es vielen Menschen im Moment sehr schlecht geht. Ich weiß auch, dass es mir besser geht. Aber ich schaffe es einfach nicht mehr, deshalb alles runterzuschlucken und so zu tun, als wäre alles in Ordnung, denn auch mir geht es nicht gut.

Ich fühle mich einsam. Anstatt mit meinen Freunden rede ich mit einem kleinen Gerät, das versucht, ihre Stimme nachzuahmen. Wenn ich sie dann mal tatsächlich sehe, haben wir uns nichts zu sagen. 

Filmfiguren werden zu meiner Identität und Familie und meine Familie zu den Wesen, die zufällig auch noch bei mir wohnen und mit mir abends vor dem Fernseher hängen.

Mein Leben besteht aus Warten – egal, ob aufs Essen oder darauf, dass der Tag endlich vorbei geht. Aber bei all dem Warten vergesse ich, mit warten aufzuhören. 

Ich vergesse die schönen Dinge im Leben. Ich sperre mich lieber in meine Einzelhaft namens Zimmer, anstatt die Zeit mit meinen Eltern zu genießen. Und meine wenn auch nur halbrealen Hobbies sage ich fleißig ab, obwohl ich eigentlich genug Zeit dazu hätte.

Bitte hilf mir. Bitte sei bei mir, wenn es sonst keiner sein kann. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Bitte hilf, endlich alles wieder gut werden zu lassen. 

Amen

 

Pfarrerin Sonja Löytynoja

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